Ich habe es echt versucht. Acht Jahre lang war ich Vegetarier. Gulasch war das Einzige, das mir gelegentlich fehlte. Und es war auch das Gericht, das mich endgültig zur Abkehr vom Vegetarismus zwang.
Sechzehn ist ein gutes Alter, um Vegetarier zu werden. Man beginnt verstärkt, sich bewusst mit der Verfasstheit der Welt auseinander zu setzen, Zweifel an althergebrachten Mustern werden laut in der jungen Seele (ein Zustand, den man sich dringend grundsätzlich bewahren sollte) und man beginnt eigene Entscheidungen zu treffen. So naturgemäß auch ich. Eine meiner Entscheidungen, die meine acht Jahre lang in unterschiedlichem Ausmaße bestimmen sollte, war die Wahl, keine Tiere mehr zu verspeisen. Es war eine ethische Entscheidung, so wie es heute meine ethische Entscheidung ist, kein Fleisch unwürdig gehaltener Tiere zu essen. Naja, zumindest kaufe ich Fleisch vom Discounter nicht mit reinem Gewissen.
Aber damals ging es mir nicht um den entfremdeten Fleischkonsum, der mit dem Wirtschaftswunder Einzug in unsere Gesellschaft hielt, sondern es war eine grundsätzliche Entscheidung für oder wider das Fleisch. Bloß gab es ein Problem: circa einmal im Jahr, manchmal auch öfter, trieb mich der Gedanke an Gulasch um. Ich vermochte bequem auf die Salami zu verzichten, die ich als Kind so liebte und mit der heute mein täglich Brot belegt wird; auch das halbe Hähnchen, mit dem man so hervorragend den Spätfolgen eines Kneipenabends vorbeugen kann, fehlte mir nicht – ich fand es zwar ein bisschen schade, dass mir der Geschmack der krossen Haut und der Kräuter entging, aber es war nicht schlimm. Das nicht. Aber der Geschmack von Muttis Gulasch ging mir nicht aus dem Kopf und konnte sich zu einem veritablen Schmachter auswachsen – ähnlich schlimm wie bei einem starken Raucher, der versucht, sein Laster von einem Tag auf den anderen abzulegen.
Es war alles nur ein Unfall. Oder Fügung. Ich war mit meiner Freundin unterwegs nach Portugal. Den Anschluss an unseren Lufthansa-Flug von Frankfurt nach Lissabon haben wir ohne eigenes Verschulden verpasst. Wir hatten beide vegetarisches Essen gebucht, doch leider (oder: glücklicherweise) mussten wir uns bei unserem Ersatzflug nach dem vorgegebenen Menü des Fluganbieters richten. Und die portugiesische Airline hatte kein vegetarisches Gericht im Angebot – es gab Gulasch für alle. Ich als Vegetarier wollte selbstverständlich bloß von den beiliegenden Kartoffeln naschen, von denen einige allerdings mit dem Gulasch-Sud in Berührung gekommen waren. Von da ab gab es kein Halten mehr.
Ich war wieder drauf, wie ein langjähriger Alkoholabstinenzler nach dem ersten Schnaps. Seither delektiere ich mich mit Vorliebe und ohne schlechtes Gewissen an Fleischprodukten. Und speziell die Gelegenheit, mich an Gulasch zu laben, lasse ich mir niemals entgehen. Am besten ist es selbstredend noch immer bei Muttern. Die Vase mit den Gladiolen auf dem Tisch, Gulasch und Kartoffeln auf dem Teller und ich bin selig.
.